Humboldtschule Bad Homburg Unesco-Projektschule

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Deutschstunde der besonderen Art

Datum: 19.05.2016
Zeit: 17:58
Kategorien: Neuigkeiten

Es ist keine Lesereise im klassischen Sinn, und Paul-Ernst Cohen ist auch kein Zeitzeuge. „Zeitreise“ dürfte am besten beschreiben, was die Klasse 9 G der Humboldtschule am Dienstag erleben durfte.

Sage und schreibe 40 Fragen hatten die 14- bis 16-Jährigen vorab zusammengetragen, nachdem sie mit ihrem Deutschlehrer Klaus Schilling eine Rezension von „Kein schöne Zeit in diesem Land“ besprochen hatten. Der Autor, Paul-Ernst Cohen, bedankte sich für diese „Hausaufgabe“: „Das sind 40 tolle, gescheite Fragen. Es sind Empfindungsfragen und die verlangen Mut. Ich will Euch ermuntern und bitten, auch weiterhin gescheite und mutige Fragen zu stellen, auch wenn’s unbequem wird“, leitete der 63-Jährige die Deutschstunde der besonderen Art ein.

Durch einen Zufall, das Mahnmal „Vergessener Mantel mit Judenstern“ am Freiburger Bahnhof, ist er auf das Thema Deportation gestoßen. Daraufhin begab sich der in der Schweiz lebende gebürtige Rheinländer 2014 auf eine Fahrradtour von Mannheim ins französische Gurs, wohin ab 1940 vor allem Juden aus Südwestdeutschland verschleppt worden waren. Auf den 1170 Kilometern recherchierte er Deportationsgeschichten und stieß auch auf eine ihm bis dahin unbekannte Tragödie innerhalb seiner Familie. „Je mehr ich erfuhr, umso genauer hab’ ich gesucht. Es war spannend, aber auch belastend für mich“, beantwortete er eine der vielen Schülerfragen.

Sein Großonkel Ernst Cohen, von dem er erst im Jahr 2012 erfuhr, wurde 1872 als Sohn jüdischer Eltern in Köln geboren. Später ließ er sich taufen, heiratete eine Christin, leitete das Papiergeschäft der Familie, war Weltkriegssoldat. Mit dem Judenboykott musste er 1933 das Unternehmen verkaufen – das Geld dafür dürfte er nie erhalten haben. Seine Frau ließ sich scheiden, 1936 fand der mittellose Cohen Unterschlupf bei der Witwe Elisabeth Heck in Kronberg und zog bald darauf mit deren Familie nach Bad Homburg in die Brendelstraße.

Es ist anzunehmen, dass zwischen ihm und der 1892 geborenen Charlotte Heck ein Liebesverhältnis bestand, doch heiraten durften sie aufgrund der Nürnberger Rassengesetze nicht. Am 10. November 1936 ging beim Bürgermeister von Kronberg eine „vertrauliche Mitteilung“ ein, die dieses „rassenschänderische Verhältnis“ anzeigte. Der Homburger Polizeihauptmeister Herzberger wurde umgehend aktiv, vernahm den Beschuldigten, fertigte einen detailreichen – und, wie die Jugendlichen zu Recht feststellten, tendenziösen – Bericht an. Der „Volljude“ wurde wegen Rassenschande verurteilt.

Über Limburg-Diez und Dachau wurde Ernst Cohen nach Buchenwald deportiert, wo er am 2. November 1938 verstarb.

Das Schicksal dieses Mannes, der noch einmal ein kurzes privates Glück gefunden hatte, bevor er ermordet wurde, ging den Schülern nah. Als aus seinem Lebenslauf, den der Angeklagte 1937 im Vorfeld des Prozesses geschrieben hatte, vorgelesen wurde, war in der Klasse die tiefe Betroffenheit über sein Schicksal, das feige Denunziantentum, die Machtlosigkeit spürbar. „Das Verhältnis wurde in den Dreck gezogen, alles was er tat, wurde gegen ihn verwendet, die Tatsachen wurden verdreht“, stellten die Schüler fest.

Nein, es war keine schöne Zeit in diesem Land. Paul-Ernst Cohen hat seinen Buchtitel in Anlehnung an das Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ weise gewählt. In Gedenken an seinen Großonkel Ernst soll im kommenden Jahr ein Stolperstein in der Brendelstraße 42 gesetzt werden.

Aus: TZ Melzer-Hadij