Humboldtschule

 

 

 

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Ein Jahr in der Auvergne

Einen Auslandsaufenthalt in Frankreich ohne die Hilfe von meist sehr kostenlastigen Organisationen zu organisieren ist leider immer noch nicht so einfach wie z.B. eine Gastfamilie in England zu finden.

Ich habe auf folgende Weise die Möglichkeit gefunden, längere Zeit in Frankreich, genauer gesagt in der Auvergne, zu verbringen: Ich habe Kontakt zum Partnerschaftsverein Bad Vilbels aufgenommen, der enge Kontakte zur französischen Départementhauptstadt Moulins pflegt. Über diesen Verein wurde Kontakt zum dortigen öffentlichen Lycée Théodore de Banville aufgenommen, welches zahlreiche Austausche zwischen Bad Vilbelern und französischen Schülern vermittelt, aber auch Gastschüler aus anderen Ländern wie z.B. der USA und den Niederlanden aufnimmt. So fand ich eine Austauschschülerin, die zwei Monate bei mir in Deutschland lebte. Da ich ein Jahr in Frankreich bleiben wollte, schlossen wir die Abmachung, dass ich nur an den Wochenenden bei ihr zu Hause lebe und während der Woche im schuleigenen Internat (in Frankreich, vor allem in den ländlichen Regionen, wo viele Schüler mehr als eine Autostunde von der nächsten weiterführenden Schule entfernt leben, sind solche Wocheninternate durchaus üblich). So ein halb-im-Internat-halb-in-der-Gastfamilie hat durchaus Vorteile, aber auch viele Nachteile. Es fehlt einem ein gewisser Halt, da man zu seiner Gastfamilie nicht eine so innige Beziehung aufbauen kann, als wenn man die ganze Woche bei ihr lebte. Andererseits gibt das Internat mehr Kontakt zu den gleichaltrigen Mitschülern, was das Schließen von Freund-und Bekanntschaften erleichtert. Sympathisch erschien mir auch, dass die Internatsschüler  die Surveillants (Studenten, die sich Geld mit dem Beaufsichtigen der Schüler verdienen) gut kennen und sogar mit ihnen befreundet sind. Dafür werden sie von „Externen“ und „Demi-Pensionnaires“ (Schüler, die in der Schule zu Mittag essen, aber nicht dort schlafen) oft ein bisschen beneidet.

Meine Zeit in Frankreich war manchmal wie eine Achterbahnfahrt (das „Auf-sich-selbst-gestellt-sein“ birgt zwar viele gute Seiten, aber auch Risiken), aber insgesamt sehr schön. Speziell im Allier war die meiste Zeit super Wetter, in dem Schuljahr, das ich dort verbrachte, hat es an höchstens 10 Tagen geregnet. Ich habe es sehr genossen, für einige Zeit nicht quasi direkt neben einer Großstadt und der damit verbundenen Licht-, Lärm- und Landschaftsverschmutzung ausgeliefert zu sein. Am Ende meines Aufenthalts hat es allerdings doch ein bisschen genervt, dauernd auf autofahrende Gasteltern angewiesen zu sein, denn ohne motorbetriebenes Fahrzeug kommt man in einer Region, die so ländlich ist, dass die Zahl der Schafe die der Einwohner übersteigt, nicht sehr weit. Nichtsdestotrotz war es eine schöne Erfahrung, nicht in einem international bedeutenden und damit meiner Meinung nach überbevölkerten Ballungsgebiet zu leben.

Sehr gewöhnungsbedürftig war der Unterricht. Gruppenarbeiten sind den meisten französischen Lehrern ein Fremdwort. Ich bin zwar kein Verfechter von kreativen und modernen Unterrichtsmethoden, wie sie in Deutschland teilweise exzessiv praktiziert werden, aber so strikter Frontalunterricht wie in Frankreich ist auch nicht gerade schön. Der Lehrer hat meist einen Redeanteil von 70-80%. Da es keine mündlichen Noten gibt, werden die Schüler nicht zum Mitreden und daher auch nicht zum aktiven Mitdenken motiviert. In vielen Fächern muss meist einfach stur auswendig gelernt werden. In den Fremdsprachen war das besonders schlimm: Die Schüler konnten zwar auswendig gelernte Texte rezitieren, aber einen vollständigen, komplexen Satz brachten nur wenige hervor. Daher waren vor allem die Englischstunden oft zum Sterben langweilig.  Für Naturwissenschaftler gibt es aber auch gute Nachrichten: Wer die „Section scientifique“ wählt, muss sich wenig mit Sprachen herumärgern, hat aber dafür rund 5 Stunden Physik und Chemie  (in Frankreich in einem Fach zusammengefasst) und fast ebensoviel „SVT“ (eine Mischung aus Biologie und Geologie). Insgesamt 4 Stunden die Woche hat man jedoch keinen theoretischen Unterricht in diesen Fächern, sondern macht praktische Versuche. Dies kommt in Deutschland meiner Meinung nach viel zu kurz, deshalb war ich positiv überrascht, dass gerade im pädagogisch sehr konservativ ausgerichteten Frankreich das praktische Lernen  zumindest in den Naturwissenschaften so groß geschrieben wird.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass ein Auslandsaufenthalt in Frankreich durchaus zu empfehlen ist. Allerdings sollte man sich im Klaren sein, dass man einigermaßen selbstständig sein muss und auch eine gewisse psychische Stabilität haben sollte, da es immer sein kann, dass man in Konflikte mit der Gastfamilie oder seinen Klassenkameraden kommt und eine solche Situation im Ausland in neuen, unbekannten Verhältnissen sehr viel schwerer zu meistern ist.

Sybille Fuld